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Im Künstler*innenlexikon des ‚Instituts für aktuelle Kunst im Saarland‘ ist online ein ausführlicher Artikel zu finden.

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Registrierte Augenblicke                                                                                                              (Dezember 2022)

Wenig kann sehr viel sein. Das zeigen uns die reduzierten Zeichnungen von Susanne Kocks. Da stört kein überflüssiger Strich, im Gegenteil bieten sie jede Menge Platz für eigene Vorstellungskraft. Fast beiläufig sind in ihnen Beobachtungen notiert: Springbrunnen, Treibgut oder Vögel, Watthaufen, Maggiflaschen oder Pflanzen, alles in allem eher unscheinbare Motive, die von den meisten Menschen gern übersehen und nicht selten als belanglos eingestuft werden. Ihre Bestandsaufnahmen fertigt die Künstlerin in Form protokollarischer Folgen an, in denen sie Datum und Uhrzeit ihrer Tätigkeit, manchmal auch ergänzend den Entstehungsort vermerkt. So entwickeln sich im Kontext der Serien verwandte Bilder, die „blind“ gezeichnet genau das wiedergeben, was ihr auf den Gegenstand fokussierter Blick ertastet und ihre Hand synchron aufs Papier überträgt.

„Formen zeichnerischer Protokolle“, so der Titel ihrer Diplomarbeit, sind von Beginn an die adäquate Methode für ihre prozesshaften Gestaltungsintentionen. Wie sachliche Ergebnisniederschriften von Vorgängen, Debatten oder wissenschaftlichen Untersuchungen dokumentieren auch gezeichnete Erfassungen innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens festgestellte Gegebenheiten. Fehler, die sich aufgrund schwankender Konzentration während der Schaffensphase einschleichen, kalkuliert Kocks ebenso in ihr Resultat mit ein wie situationsabhängige Bedingungen der persönlichen Konstitution. Sie wirken sich aus auf Ausprägung und Ausdruck des jeweiligen Bildes, das daher selbst bei identischem Motiv niemals gleich und somit neutral sein kann. Abschweifungen und Erinnerungen beeinflussen die folgende Zeichnung, gleichfalls methodische Versuche, der Routine entgegenzuwirken. Ihre Kunst ist eine erkenntnisorientierte Produktion, die Rückschlüsse auf unbewusste, kaum manipulierbare Wahrnehmungsabläufe eröffnet.

Das akkurate und auf Nachvollziehbarkeit ausgerichtete Vorgehen behält Susanne Kocks in allen Werkzyklen bei. Ihr möglichst gegenwärtiges Schaffen registriert den Status quo eines über eine längere Dauer begutachteten und in unterschiedlichen Stadien bildhaft fixierten Ereignisses. So offenbart zum Beispiel ein Kronleuchter entsprechend der Betrachtungsweise unterschiedliche Aspekte oder verwandeln Fahnen und Wasserspiele unter Einwirkung des Windes kontinuierlich ihr Aussehen. Tauben, die sich auf einem Platz versammeln, dort landen, sitzen und davonfliegen, auf Spielplätzen entdeckte Wippfiguren oder bekleidete Schaufensterpuppen in diversen Kaufhäusern geben als Bildsequenz Varianten desselben Sachverhaltes wieder. Auf der Donau im Laufe eines Tages an einer Stelle des Ufers vorbeidriftendes Treibgut sowie umgekehrt bei eigener Fortbewegung über einen ausgedehnteren Zeitraum auf Reisen registrierte Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten oder auch eine unterwegs zusammengetragene Auflistung von Boots- und Schiffsnamen vereinen ebenfalls vielfältige Aspekte desselben Themas.

Ob in Sprache oder Bildern, Susanne Kocks hält auf authentische Weise marginale, veränderliche Vorkommnisse fest und addiert sie zu einem aufschlussreichen Report. Sie stellt Fragen nach zeitlichen Relationen und damit nach Vergänglichkeit und der Relevanz von Augenblicken. In ihren protokollarischen Momentaufnahmen bannt sie die Flüchtigkeit mit tastenden, oft nur andeutenden Linien binnen eines kurzen, exakt bemessenen Intervalls. Ihre frei skizzierten Spurensicherungen tragen einen fragmentarischen und offenen Charakter. Sie machen deutlich, dass wir das Angebot an Sinnesreizen immer nur annähernd rezipieren können. Serielle Wiederholungen vervollständigen die Aussage, eine absolute, unumstößliche Sicht der Dinge gibt es jedoch nicht.

Petra Wilhelmy

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https://www.anzeiger-verlag.de/osterholz/artikel/die-oeffnende-kraft-der-kunst-beitraege-zur-offenen-gesellschaft-teil-iii

Ein Interview mit der damaligen künstlerischen Leiterin der Künstlerhäuser Worpswede, Dr. Katharina Ritter und Patrick Viol im Osterholzer Anzeiger: „Die öffnende Kraft der Kunst – Beiträge zur offenen Gesellschaft III“, 13. Juni 2019

An diesem Wochenende findet am Samstag, 15. Juni, bundesweit der Tag der offenen Gesellschaft statt. Im ANZEIGER liefen im Sinne einer offenen Diskussionskultur in den letzten Wochen die Artikel Keine Feier ohne Gedenken (Nr. 20) und Das autoritäre Potenzial (Nr. 22), die sich mit Antisemitismus als ein grundlegendes Problem der offenen Gesellschaft beschäftigen. Zum ersten Artikel wurde im ANZEIGER Nr. 21 ein Leserbrief abgedruckt, der über Antisemitismus hinaus auf die Gefahr ausschließenden Verhaltens hinwies. Der letzte Artikel hielt zum Ende die Erkenntnis fest, dass die Offenheit einer Gesellschaft u.a. in der Praxis grundlegender Selbstkritik besteht. Eine besondere Form gesellschaftlicher Selbstkritik nimmt die Kunst ein. Über ihren Beitrag zu einer demokratischen Offenheit und Öffentlichkeit sprach Patrick Viol mit der künstlerischen Leiterin der Künstlerhäuser Worpswede Katharina Ritter.

P. V.: Frau Ritter, Ihr kuratorischer Anspruch verfolgt den Anspruch, solcher Kunst einen Raum zu geben, die aktuelle Fragen stellt wie zum Beispiel danach, wie wir leben oder wie wir arbeiten wollen. Wie stellt die Kunst solche Fragen?
K. R.: Mein kuratorischer Arbeitsansatz ist es, vielfältige Zusammenarbeit zu ermöglichen. Unterschiedliche Zugänge zur Welt miteinander zu verbinden, fördert gegenwärtige Kunst und Kultur, wirkt nachhaltig in den Ort und die Region und wirft globale gesellschaftliche Fragen auf. Relevant sind hier Vielstimmigkeit, Wertschätzung und Teilhabe. Vor allem Kunstvereinen wächst die Aufgabe zu, die Arbeits- und Lebensweisen von Künstler/innen in den Mittelpunkt zu rücken. Ein Beispiel, wie diese Reflexion zu den genannten Fragen führen kann: Im Kunstverein Ulm habe ich ein Projekt zu dem Thema temporäre Migration entwickelt. Temporäre Migration bedeutet Arbeit auf Zeit. Künstler/innen sind oftmals Saisonarbeiter. Wenn es gut läuft, sind sie die ganze Zeit unterwegs und für kürzere odere längere Zeit an einem Ort. Sie haben nur noch temporäre Lebensmittelpunkte. Auch im Kunstbetrieb werden diese Begebenheiten zu wenig beachtet.
Kunst öffnet neue Perspektiven auf sehr komplexe Themen wie Migration, das betrifft uns alle direkt. Kunst öffnet das Denken und hält es offen.
P. V.: Worin liegt die besondere Qualität künstlerisch formulierter Fragen und aufgeworfener Perspektiven?
K. R.: Kunst ist erst mal sehr abstrakt, darin liegt aber ihre Stärke. Sie leistet ihren besonderen Beitrag bereits durch ihren Charakter nutzlos, das heißt, nicht unmittelbar verwertbar zu sein. Sie ist wie eine offene Forschung und wonach sie forscht, ist nicht sofort greifbar – das ist das Potenzial der Kunst aber auch das, was vielen Angst macht. Kunst, ihre Fragen, werfen einen auf sich selbst zurück. Es gibt unterschiedliche Zugänge zur Kunst. Man kann sich einfach Werke anschauen oder tiefer einsteigen. Wenn man sich auf Kunst einlässt, muss man sich sehr stark mit sich selbst, mit seinem Denken und gesellschaftlichen Prozessen auseinandersetzen. Darin sehe ich die besondere Herausforderung ihrer Fragen und die politische und gesellschaftliche Relevanz von Kunst.
P. V.: Lassen Sie mich versuchen, das bisher Gesagte einmal zusammenzubringen: In der Kunst, bzw. im Arbeitsbereich der Kunst werden also gesellschaftspolitische Prozesse aufgegriffen, reflektiert, gespiegelt und bewertet und Menschen werden von ihr in ihrem Denken bzw. in ihren Denkgewohnheiten herausgefordert. Zum einen entwickelt die Kunst Fragen zu Problemen, die so offen sind, dass sie die Betrachtungsweise von Problemen auf eine neue Weise verändern und dadurch ein Problemfeld neu offenlegen. Zum Weiteren erzwingt das Verständnis von Kunst bzw. der Wunsch, sie verstehen zu wollen, einen kritischen Rückgang auf sich selbst zu leisten. Soweit. Betrachten wir aber noch mal den Begriff des Politischen. Wenn ich Sie richtig verstehe, ist Kunst nicht in dem Sinne politisch, dass von ihr eine bestimmte Politik ausgeht, sondern politische Prozesse reflektiert, richtig?
K. R: Nein, nicht ganz. Kunst ist, wenn sie als Kunst ernst genommen wird, politisch.
P. V.: Was heißt dann das Politischsein der Kunst?
K. V.: Um die Frage zu beantworten, würde ich gern auf zwei Beispiele zu sprechen kommen. Es gibt zum Beispiel die Aktion Vote Together von Wolfgang Tillmanns, bei der mit unterschiedlichen Prominenten wie Vivien Westwood zum Beispiel Poster und T-Shirts gedruckt wurden, um zur Europawahl aufzurufen. Da, so würde ich behaupten, ist sehr deutlich, was die künstlerische Rolle in dem politischen Kontext ist. Es gibt aber auch sehr viele Werke, die in sich erst mal überhaupt nicht politisch wirken, eine politische Wirkung aber sehr stark in sich tragen, so z. B. eine Arbeit von Susanne Kocks. Susanne Kocks ist Zeichnerin und zeichnet meines Erachtens Zeit. Sie protokolliert alles, was in einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Situation passiert. Bei dem Projekt in Ulm z. B. habe ich sie eingeladen, zur temporären Migration vor Ort in Ulm zu arbeiten. Die Frage allein war sicherlich sehr abstrakt, aber eine Qualität von Künstler/innen ist, dass sie sich auf abstrakte Fragestellungen einlassen. So hat Susanne Kocks sich meiner Frage angenommen und sich 8 Stunden an die Donau gesetzt und auf einer endlosen Papierrolle alles gezeichnet, was an ihr vorbeigeschwommen ist: Treibgut skizziert in Fließrichtung vom Fluss. Am Ende hatten wir dann diese Papierrolle, die von der Wand hing, mit einer an Hieroglyphen erinnernden Schrift, die aussieht, als ginge sie ins Unendliche. Das Werk hat in seiner Zurückhaltung eine starke Präsenz, es macht Freude anzuschauen, ich entdecke immer mehr. Dann stelle ich mir irgendwann Fragen wie: Was ist das, was soll das und untersucht das Werk dahin gehend, was ich erkenne und wo es hinführt. Gibt es einen Anfang und ein Ende? Erfahrt man darüber hinaus zum Beispiel etwas über den Produktionsprozess, dass da jemand 8 Stunden am Fluss saß und Treibgut zeichnete, wird eine künstlerische Strategie deutlich, die kapitalistische Verwertungsstrategien kritisch beleuchtet und so was wie ein Gegenmodell aufscheinen lässt, in dem nicht jede Tätigkeit effizient und verwertbar sein muss. Damit ist man dann bereits in einer Gedankenstruktur, die mit Gesellschaft zu tun hat. Bildet man sich zudem eine Meinung über das Werk und dessen Kontext, denkt man anders nach, so wird die Auseinandersetzung mit dem Werk insofern politisch, weil ein Meinungsbildungsprozess bzw. die Fähigkeit, sich eine Meinung zu bilden, ein unverzichtbarer Teil demokratischer Politik ist.
P. V.: Ich würde ihnen dahin gehend zustimmen, dass Kunst vermittelt über die Reflexionsprozesse, die sie aufgrund dessen auslöst, dass ihr Gehalt nicht unmittelbar einsichtig wird, politisch wirken kann. Wenn Kunst also über die Verfasstheit des Politischen kritisch hinausweist, indem sie ihren Betrachter/innen eine Erfahrung ermöglicht, aufgrund derer sie über das hinausdenken, was zu denken gesellschaftlicher Konsens ist. Das trifft auf das letzte Beispiel sehr gut zu. Gibt sich Kunst aber zum Beispiel eine bestimmte inhaltliche politische Wirkung vor, wie im ersten Beispiel, könnte man sagen, dass sie sich um das kritische Moment der Reflexion bringt und ihre besondere Qualität verliert und darüber zum staatstragenden Dekor wird, das der unkritischen Bestätigung der gesellschaftlichen Verhältnisse dient.
K. R.: Bei der Betrachtung des Zusammenhangs von Kunst, Politik und Gesellschaft ist es darüber hinaus aber ebenso wichtig, zwischen den verschiedenen Systemen, in denen Kunst rezipiert wird, und deren spezifischer Wirksamkeit zu unterscheiden und wie die in sich funktionieren.
Derzeit arbeite ich zum Beispiel mit dem Verein hier vor Ort am Profil der Künstlerhäuser. Die Künstlerhäuser fördern gegenwärtige Kunst, Worpswede und die Region – sie sind ein Ort der gemeinschaftlichen Begegnung und individuellen Konzentration. Ich initiiere vielfältige Zusammenarbeiten, möchte nachhaltig zeitgenössische künstlerische Produktion im Ort verankern und Künstler/innen an Worpswede binden. Künstlerische Praxis bringt neue Perspektiven und neue Strategien für die Gemeinde. Hier zeigt sich das Zusammenwirken von Kunst und der Entwicklung der Region. Wichtig für unsere Gesellschaft sind Allianzen miteinander aufzubauen. Die Künstlerhäuser öffnen sich und kooperieren in unterschiedliche Richtungen, sowohl in den Ort als auch mit dem Museumsverbund. Ein Potenzial der Künstlerhäuser ist an dieser Stelle, dass sie ein eher informeller Begegnungsort sind. Bei uns treffen sich Menschen, die sich woanders nicht begegnet wären.
P. V.: Eine Begegnung im Sinne einer offenen Gesellschaft. Bieten diese Begegnungen aber auch Raum für Konflikte?
K. R.: Wie soll es anders sein? Die Stärke der Kunst ist, dass alles permanent offen ist und zugleich Konflikte ausgetragen werden.

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Die Augen tasten ab, folgen Umrissen und Bewegungen, die Hand zeichnet seismografisch. Der Stift hinterlässt wachsam dokumentierende Spuren. Die Ergebnisse erscheinen dennoch zumeist eher unscharf, fotografisch gesprochen. Durch Addition dieser Spuren und serielles Arbeiten wird der Anspruch des Protokolls aufrechterhalten, eine seltsame Vergleichbarkeit entsteht.

Die beobachteten Objekte sind, jedes auf seine Art, irgendwie bewegt, angehäuft, wiederkehrend oder andauernd. Verkehrsnachrichten, Tauben, Maggiflaschen, Treibgut, Politiker, Wasserstandslinien, Springbrunnen, Wunderkerzen (nacheinander abgebrannt), komplette Silvester-Feuerwerke mehrerer Silvester…

Es handelt sich um hochkomplexe Erscheinungen, mit menschlichen Sinnen nur annähernd zu erfassen. Vergleiche anzustellen macht vielleicht auf den ersten Blick keinen Sinn, aber dennoch reizen diese winzigen Differenzen … – Ich versuche also mein Möglichstes.

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Jurybegründung Zonta Kulturpreis 2014

Die Jury hat sich nach eingehender Sichtung aller 62 eingereichten Arbeiten einstimmig entschieden, Susanne Kocks als Gewinnerin des 3. Zonta-Kulturpreises, der 2014 in der Sparte Bildende Kunst ausgeschrieben ist, vorzuschlagen.

Die von Susanne Kocks vorgelegten konzeptuellen Arbeiten, die sich in zeichnerischer Skriptur niederschlagen, überzeugen als unverwechselbarer und hoch reflektierter Werkansatz, der verspricht, sich in der Zukunft stringent weiter zu entfalten. Ihrem Anschreiben nach bereitet Susanne Kocks derzeit den Start ihrer Laufbahn als freischaffende Künstlerin vor.

1983 in Malsch, Baden-Württemberg, geboren, studierte sie von 2007-2013 an der HBK Saar, schloss 2013 ihr Diplom ab und ist augenblicklich Meisterschülerin von Frau Professor Gabriele Langendorf. Sie lebt und arbeitet in Saarbrücken.

Susanne Kocks’ Arbeiten stehen in einem engen Verhältnis zur oft diagnostizierten Beschleunigung der Gegenwart wie auch zu Lokalitäten im Saarbrücker Umfeld („Serie Treibgut Saar Nr. 2“ und „Fontäne Deutschmühlenweiher“, beschreibend zusammengefasst in der Broschüre „Zeichnungen vor Ort“). Für die Serie „Kronleuchter“ (2013) nahm sie Position in der Basilika Sankt Johann ein, um während des Tagesverlaufs immer wieder aus dem gleichen Blickwinkel einen von der Decke hängenden Kronleuchter mit Bleistift auf ein Stück Papier zu fixieren. Das schlichte Motiv gewinnt durch seine Auswahl aus einer Fülle von außen einströmender Reize und deren bewußter Ausblendung an Gewicht. In Anlehnung an die Gesetzmäßigkeiten einer klassischen Protokoll-Schrift-Führung versucht Susanne Kocks möglichst objektiv, den ausgesuchten Bildgegenstand be-schreibend zu zeichnen, wobei sie die Augen am Objekt hält, während die Hand den scannenden Blick in Lineament umsetzt. Tagesdatum, Ortsangabe sowie notierter Zeitpunkt zu Beginn wie zu Ende der zeichnerischen Einzelerfassung quittieren jedes einzelne Blatt der Serie in chronologischer Reihung.

Susanne Kocks vertritt ihren künstlerischen Ansatz mit erkennbar ausgeprägtem Stilwollen, wobei die inhaltliche Erfassung und die gestaltete Form der mit sicherem Strich in Linie gebrachten Umsetzung eine perfekte und stimmige Einheit eingehen. Große Präzision und Sorgfalt sprechen aus der Durchführung wie der Präsentation. Trotz ihres sehr ernsthaften Vorgehens verfällt Susanne Kocks nicht in mechanische Strenge, sondern programmiert auf lakonisch-ergebene, bisweilen nahezu humoristisch anmutende Art das ihrem System inhärente Scheitern mit ein und spielt mit ihm; meisterlich reflektiert im dokumentierenden Teil zu ihrer Diplomarbeit, „Formen zeichnerischer Protokolle“, in dem sie das von ihr eingesetzte Verfahren im Hinblick auf die Regeln amtlichen Protokollschreibens hin abfragt.

Aufgrund des konzeptionellen Ansatzes, der eine Idee kultiviert, mag sich die leise, wenn auch beharrliche Umsetzung möglicherweise gegenüber anderen Stilrichtungen nicht unmittelbar laut durchsetzen. Susanne Kocks lässt sich jedoch in ihrer Sprachwahl nicht irritieren und geht unbeirrbar den selbst gesuchten mühevollen Weg. Ihr Werk fällt auch durch diesen unerschütterlichen Mut auf.

Mit ihren konzentrierten, bewusst auf Reduktion setzenden Zeichnungen als Zustandsprotokollen der Gegenwart nimmt Susanne Kocks dezidiert Stellung für eine gereinigte und erweiterte Wahrnehmung auf die gewöhnlichen Dinge und Umgebungen unseres täglichen Lebens, die oft genauerer Würdigung nicht für beachtenswert gehalten werden. Die scheinbare Simplizität der Zeichnungen geht hervor aus einem fast wissenschaftlichen Versuchsansatz, ein gewähltes Motiv möglichst ausschließlich zu erfassen. Susanne Kocks zwingt durch ihre Serien den Betrachter zur Fokussierung und Verlangsamung seines Blickes, um dabei neu zu sehen.